ALLER - Zeitung vom 18.07.2006
Interview mit Liane Winter
Eine Wolfsburgerin, die Marathon-Geschichte schrieb
Top: Liane Winter (re.) gewann sogar den Boston-Marathon Mein Sieg in Boston war das Größte
AZ/WAZ:
Wie finden Sie als frühere Marathon-Läuferin der Welt- klasse, daß es in Wolfsburg einen Marathon gibt?
Winter:
Die Sportstadt Wolfsburg reiht sich in die 125 Marathon-Veranstaltungen ein. Gerade Anfängern wird hier jetzt auch regional etwas geboten. Und die Unterstützung von UNICEF-Projekten paßt gut ins Konzept: Helfen und laufen, das ist eine tolle Sache.
AZ/WAZ:
Sie haben viele Marathonläufe gewonnen. Welches war ihr schönster Lauf?
Winter:
Mein schönster Lauf war auch mein erfolgreichster: der Boston-Marathon mit 500.000 Zuschauern auf der Strecke.
Damals sind kaum Frauen Marathon gelaufen, ich war meiner Zeit weit voraus. Unüberhörbar am Straßenrand war die lautstarke Unterstützung der aufkommenden Frauenemanzipationsbewegung Womans Liberation. Das klingt mir heute noch in den Ohren.
Mein Sieg mit Weltbestzeit war zu dieser Zeit das Höchste, was man erreichen konn- te. Nationale und internationale Meisterschaften gab es noch nicht.
AZ/WAZ:
Wie haben Sie dafür trainiert?
Winter:
Sehr unkonventionell. Schon 1959, zu einer Zeit als es unschicklich war, außerhalb eines Sportplatzes einen Trainingsanzug zu tragen, hatte ich den Langstreckenlauf für mich entdeckt.
Ich bin nie auf einer Bahn gelaufen. Als ich noch in Wetzlar gewohnt habe, war ich oft mit einem Marathonläufer nach Einbruch der Dunkelheit von Dorf zu Dorf unter- wegs!
Nach meiner Übersiedlung 1962 nach Wolfsburg gab es keum einen Waldweg, der nicht von mir belaufen wurde. Manchmal hab ich einen Rucksack geschnappt und bin um ganz Wolfsburg gelaufen.
AZ/WAZ:
Wie kamen Sie dann zum Marathon?
Winter:
Als ich meinen ersten Lauf hatte, war ich 34 Jahre alt. Damals herrschte die Ansicht, Frauen könnten wegen ihrer Konstitution nicht Marathon laufen. Aber ich hatte mir bei meinen jahrelangen Läufen viel Ausdauer antrainiert.
1973 kam es zum ersten Frauenmarathon. Als ich davon hörte, war ich elektrisiert - ich hatte von dem Moment geträumt.
AZ/WAZ:
Der Frauen-Marathon war ein großer Erfolg ...
Winter:
Der erste internationale Frauen-Marathon brachte den Durchbruch. 50 Fernsehstati- onen berichteten durchweg positiv. Ich gewann den Lauf mit damaligem Europa-Rekord von 2:50:45 Stunden. Von meinen Läufen in Wolfsburg hatte ich ein gewohn- tes Tempo.
Noch ganz euphorisch wollte ich einen Monat später an den Norddeutschen 25-km-Meisterschaften in Berlin teilnehmen. Trotz Intervention der damaligen Frauen- wartin war das nicht möglich.
Wenn man bedenkt, daß Berlin heute stolz sein kann, Rekord-Teilnehmerzahlen bei den Frauenläufen vorzuweisen, ist es bemerkenswert, daß ich vor 32 Jahren Schwie- rigkeiten hatte zu starten. Aber es macht mich stolz, Anteil an der Entwicklung zu haben.
AZ/WAZ:
Wie haben Ihre männlichen Kollegen auf Ihre Erfolge reagiert?
Winter:
Die Spitzenläufer durchweg positiv. Aber vielen bereitete es noch große Schwierig- keiten, von einer Frau geschlagen zu werden.
Viele haben nicht begriffen, daß eine gut trainierte Frau besser ist als ein schlecht trainierter Mann. Inzwischen sind sie auch emanzipiert.
AZ/WAZ:
Was war Ihre Motivation?
Winter:
Der Marathon-Lauf war damals noch mit dem Mythos des Unheimlichen behaftet. Die Strecke galt als mörderisch und für Frauen war das Ganze sowieso verboten. Man mußte damit rechnen, als jemand zu gelten, der nicht alle Tassen im Schrank hatte. Aber ich liebte die Herausforderung. Gegner brauchte ich nie, mein Gegner war die Strecke. Marathon ist nicht nur eine sportliche Leistung, sondern auch ein Sieg über sich selbst.
AZ/WAZ:
Gibt es einen Unterschied zwischen Marathon in den 70-er Jahren und Marathon heute?
Winter:
Die Marathon-Szene hat sich total geändert - vor allem hat der Marathon seinen Schrecken verloren. Es ist eine Massenbewegung geworden. Menschen jeden Alters sind unterwegs, um einen Sieg über sich selbst zu erringen. Es fasziniert mich immer wieder, die glücklichen Gesichter zu sehen. Marathon ist kein Fun-Sport. Aber ich kann alle Laufbegeisterten nur ermutigen: Das Abenteuer Marathon lohnt sich immer.
VfL-Langstreckenläuferin Liane Winter (63) sorgte weltweit für Schlagzeilen, als sie 1975 den Boston-Marathon in der Weltrekordzeit von 2:42:24 Stunden gewann.
Seit einigen Jahren ist die ehemalige VW-Angestellte an den Rollstuhl gefesselt. Die frühere Spitzensportlerin ist an Multi- pler Sklerose erkrankt - aber auch mit dem Rollstuhl ständig in Bewegung.